«Overflow» besteht aus einem oder mehreren säulenartigen Gebilden, die als Komposit von einzelnen Kordelsträngen von der Decke hängen und sich in einer Fliessbewegung auf dem Boden ausbreiten. Die hängenden Säulen scheinen im Raum zu stehen.
Meine Arbeit mit ausgedienten Kleidungsstücken folgt einem skulpturalen und zeichnerischen Ansatz. Das Volumen wird aus den Kleidern gepresst, indem ich diese zu Kordeln und Wülsten verarbeite und sie mit sichtbaren Kabelbindern fixiere und verbinde. Zusammengebunden werden die Kleider untragbar und ihrer Funktion beraubt. Die Materialien bleiben lesbar und werden durch Haptik und Qualität zu einem skulpturalen Werkstoff, den ich raumzeichnerisch einsetze.
Die unterschiedlichen Einzelteile bilden zusammen eine schwarze, weiche aber durch unterschiedliche Dimensionen und Materialien fragmentierte Linie. Weich ist dieser dreidimensionale Pinselstrich auch im plastischen Verhalten: die Linie kann auf dem Boden in Form gelegt, an die Wand, die Decke oder durch den Raum gezogen werden, immer zieht sie nach unten, fällt, fliesst. Die Kabelbinder brechen durch Funktionalität, Form und Material das Weiche, Liebliche.
Der Titel nimmt die Fliessbewegung der Linie auf und verweist auf den Überfluss der Kleiderproduktion. Die Arbeit mit ausgedienten Kleidungsstücken nimmt Bezug auf menschliche Präsenz und Absenz Die Verwertung ausgedienter Textilien beinhaltet weiterführende Themen, für die ich mich auch in der Vergangenheit in künstlerischen Projekten eingesetzt habe. Zum Beispiel in einem Fotoprojekt mit Befragungen zu Menschen im Ausgang und ihrem Verhältnis zu Kleidern (mit Rachel Bühlmann und Lea Pelosi) oder in einer Einzelausstellung mit Kleidobjekten im Rahmen von Fashion Revolution Switzerland im Stadtmuseum Aarau.
Kleider sind Träger persönlicher Erlebnisse und Erinnerungsspeicher. Sie sind Abbild von Mode und Kultur, sowie Handelsware und Konsumgut. Die Kleiderproduktion ist oft Ort sozialer Ausbeutung, die Kleiderflut Teil unserer Wegwerfgesellschaft und die Entsorgung der Kleiderberge belasten Mensch und Umwelt.
Die ausgedienten und in Overflow verwerteten Kleider sind mehrheitlich aus dem Bekannten- und Familienkreis. Die einzelnen Kleider sind Erinnerungsträger, Zeugen von Lebensetappen, Ausdruck von veränderter Ethik (Pelz) und Mode (Materialien, Muster). Die Menschen, die diese Kleider getragen, in ihnen geschützt, gewärmt und lebendig waren, sind in dieser Linie miteinander verknüpft.
Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung und ein gigantischer Abfallberg von Kleidern sind die verheerende Bilanz der Kleiderproduktion und des Konsumverhaltens. Schweizer Konsument:innen werfen jährlich über 100‘000 Tonnen Kleider weg, wovon sich ein grosser Teil auf Mülldeponien sammelt. Für die Kleiderproduktion werden problematische Rohstoffe und Chemikalien verwendet. Schlechte Arbeitsbedingungen, von fehlendem Extistenzlohn bis mangelnder Arbeitssicherheit, gehören zur Modeindustrie und werden von vielen Konsument:innen stillschweigend mitgetragen. Quellen: Fashion Revolution Switzerland
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